Der Mensch: ein Moment des Lebendigen – Alain de Benoist zur Natur des Menschen

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Der Mensch: ein Moment des Lebendigen

Die Moderne hat die Existenz einer Natur des Menschen geleugnet (Theorie der Tabula rasa) oder hat sie abstrakten Eigenschaften zugeschrieben, die der realen Welt und der erlebten Existenz fremd sind. Um den Preis dieses radikalen Bruchs tauchte die Idealvorstellung von einem „neuen Menschen“ auf, der durch allmähliche oder plötzliche Veränderung seines Umfelds unendlich formbar sei. Diese Utopie führte zu den totalitären Experimenten des 20. Jahrhunderts. In den liberalen Kreisen äußerte sie sich durch den irrigen Glauben an die Allmacht des Milieus, der nicht wenige Enttäuschungen erzeugte, vor allem im Erziehungsbereich:

Das Menschentum ist eine Wirklichkeit. Auch die Heritabilität, das heißt das Eingreifen genetischer Faktoren bei der Bestimmung der interindividuellen Schwankungen für gewisse Fähigkeiten, Charakterzüge und Verhaltensweisen, kann nicht mehr ernsthaft bezweifelt werden. In einer Gesellschaft, in der die kognitiven Fähigkeiten die gesellschaftliche Stellung zunehmend am stärksten bestimmen, kann diese Tatsache nicht verschwiegen werden.

Der Mensch ist zunächst ein Tier und fügt sich als solches in die Ordnung des Lebens ein, deren Dauer sich in Hunderten von Millionen Jahren messen lässt. Vergleicht man die Geschichte des organischen Lebens mit einem vierundzwanzigstündigen Tag, erfolgt das Auftreten unserer Art erst in den letzten dreißig Sekunden. Die Menschwerdung selbst verlief über mehrere zehntausend Generationen. Insofern sich das Leben zunächst durch Übertragung der im Erbgut enthaltenen Informationen verbreitet, kommt der Mensch nicht als unbeschriebenes Blatt auf die Welt: Jeder von uns trägt bereits die allgemeine Merkmale unserer Art, zu denen individuelle oder kollektive Anlagen für besondere Fertigkeiten und bestimmte Verhaltensweisen hinzukommen. Der Mensch entscheidet nicht über dieses Erbe, das seine Eigenständigkeit und seine Formbarkeit einschränkt, ihm aber auch ermöglicht, sich dem politischen und gesellschaftlichen Konditionierungen zu widersetzen.

Doch der Mensch ist nicht nur ein Tier: Das bei ihm spezifisch Menschliche – Bewusstsein seines eigenen Bewusstseins, abstraktes Denken, syntaktische Sprache, symbolisches Vermögen, Fähigkeit zur sachlichen Feststellung und zum Werturteil – widerspricht nicht seiner Natur, sondern verlängert sie, indem es ihr eine zusätzliche, eigenartige Dimension verleiht. Die biologischen Determinationin des Menschen zu leugnen oder ihn auf sie zu beschränken, indem man seine besonderen Merkmale auf die Zoologie zurückführt, stellen also zwei gleichermaßen unsinniger Haltungen da. Der erbliche Anteil unseres Menschentums bildeten nur die Grundlage unseres sozialen und historischen Lebens: Weil seine Instinkte nicht Zweck programmiert sind, besitzt der Mensch ein Stück Freiheit (er muss sowohl moralische als auch politische Wahlentscheidungen treffen), deren einzige natürliche Grenze eigentlich der Tod ist. Der Mensch ist in erster Linie ein Empfänger, aber er kann über sein Erbe verfügen. Wir bauen uns historisch und kulturell auf Grund der Voraussetzungen unserer biologischen Beschaffenheit auf, die die Grenze unseres Menschentums bilden. Das Jenseits dieser Grenzen liegende kann Gott, Kosmos, Sein oder Nichts genannt werden: Die Frage nach dem „Warum“ hat dort keinen Sinn mehr, denn alles, was sich jenseits der menschlichen Grenzen befindet, ist definitiongemäß undenkbar. Unsere Denkbewegung bietet also eine ausgewogene Menschenauffassung, die sowohl das Angeborene als auch die persönlichen Fähigkeiten und das soziale Umfeld berücksichtigt. Sie lehnt die Ideologien ab, die einen einzigen dieser Bestimmungsfaktoren, ob biologisch, wirtschaftlich oder mechanisch, überbetonen.

Der Mensch: ein verwurzelts, gefahrvolles und offenes Wesen

Der Mensch ist wesensgemäß weder gut noch böse, aber er ist fähig, das eine oder das andere zu sein. Hierin ist er ein offenes, „gefahrvolles“ Wesen, das immer in der Lage ist, sich selbst zu übertreffen oder sich zu erniedrigen. Die sozialen und moralischen Regeln ebenso wie die Einrichtungen oder die Traditionen ermöglichen, diese ständige Gefahr zu bannen, indem sie den Menschen auffordern, sich bei Anerkennung der sein Leben begründenden Normen aufzubauen, indem sie ihn dabei Sinn und Bezugspunkt gegeben.

Die Menschheit, als undeutliche Gesamtheit der sie zusammensezenden Menschen bestimmt, bezeichnet entweder eine biologische Kategorie (die Art) oder eine aus den abendländischen Denken stammende philosophische Kategorie. In sozialhistorischer Hinsicht existiert der Mensch an sich nicht, denn die Zugehörigkeit zur Menschheit wird immer durch eine besondere kulturelle Zugehörigkeit vermittelt. Diese Feststellung ist kein Produkt des Relativismus. Alle Menschen haben ihre menschliche Natur gemeinsam, ohne die sie sich nicht verständigen könnten, aber ihre gemeinsame Zugehörigkeit zur Art äußert sich immer von einem besonderen Kontext aus. Sie teilen die gleichen wesentlichen Bestrebungen, doch diese nehmen je nach den Epochen und den Orten stets unterschiedliche konkrete Formen an. In diesem Sinne ist die Menschheit ganz und gar mannigfaltig: die Mannigfaltigkeit geht von ihrem Wesen selbst aus.

Der Mensch ist nicht vorhergehend. Da er ein soziales Tier ist, ist sein Leben von seinen Zugehörigkeiten nicht zu trennen. Das Menschenleben fügt sich zwangsläufig in einen Kontext ein, und dieser geht dem – selbst gegenüber den eigenen Zugehörigkeiten kritischem – Urteil voraus, das die Menschen und Gruppen über die Welt abgeben. Dieser Kontext gibt ihren Bestrebungen und Zielen Form: In der realen Welt gibt es nur konkret situierte Person. Die biologischen Unterschiede selbst sind nur in Bezug auf gesellschaftliche und kulturelle Gegebenheiten bedeutsam. Der Mensch trägt sich von Natur aus in das Register der Kulturen ein: Als besonderes Wesen befindet er sich immer an der Schnittstelle des Allgemeinen (seiner Art) und Besonderen (jeder Kultur, jeder Epoche). Die Unterschiede zwischen den Kulturen wiederum sind weder die Wirkung einer Illusion noch vorübergehende, zufällige oder nebensächliche Merkmale. Alle Kulturen haben ihren eigenen „Schwerpunkt“ (Herder): Unterschiedliche Kulturen geben unterschiedliche Antworten auf die wesentlichen Fragen. Deshalb läuft jeder Versuch, sie zu vereinheitlichen, auf ihre Zerstörung hinaus. Die Vorstellung von einem absoluten, allgemeingültigen und ewigen Gesetz, das letzten Endes unsere moralischen, religiösen und politischen Entscheidungen bestimmen soll, entbehrt somit jeder Grundlage. Diese Vorstellung liegt aber allen Totalitarismen zugrunde.

Die Menschengesellschaften sind konfliktiv und kooperativ zugleich, ohne dass man eines dieser Merkmale zugunsten des anderen ausschalten kann. Den friedliebende Glaube an die Möglichkeit, innerhalb einer versöhnten und transparenten Gesellschaft die Konflikte verschwinden zu lassen, hat ebenso wenig Gültigkeit wie die liberale, rassistische oder sozialedarwinistische Anschauen, die auf übermäßigem Wettbewerb gründet und das Leben zu einem ständigen Krieg zwischen den Menschen oder den Gruppen macht. Wenn die Aggressivität zweifellos an der schöpferischen Tätigkeit und der Dynamik des Lebens beteiligt ist, hat auch die Evolution beim Menschen das Zutagetreten kooperativer (altruistischer) Verhaltensweisen gefördert, die sich nicht immer im einzigen Bereich seiner genetischen Verwandtschaft äußern. Zum anderen konnten sich die großen historischen Werke und Entwürfe nur dadurch dauerhaft festsetzen, dass sie eine Harmonie schufen, die auf der Anerkennung gemeinsamer Güter, der Wechselbeziehung von Rechten und Pflichten, der gegenseitigen Hilfe und des Teilens gegründet war. Das Menschenleben ist weder friedlich noch streitbar, weder gut noch schlecht, weder schön noch hässlich, es verläuft vielmehr in einer tragischen Spannung zwischen diesen anziehenden und abstoßenden Polen.

Alain de Benoist, Aufstand der Kulturen, S. 21ff

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