Im Kampf um das Wesen – Pierre Krebs über die egalitäre Gesellschaft

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Ohne Gemeinschaftsbande, ohne das Gefühl, dem geschichtlichen und kulturellen Gefüge eines Volkes anzugehören und dasselbe mitzutragen, muss sich der einzelne in der kaufmännischen Gesellschaft amerikanischer Prägung an die exzessive Bspiegelung seines kleinen Ichs halten, da dies ja die allerletzte Chance für ihn ist, seinem verpfuschten Leben noch einen minimalen Sinn zu verleihen. Doch indem er sich auf sich selbst zurückzieht, neigt er auch selbstverständlich dazu, die Sphäre seiner intimen Beziehungen ins Übermaß zu steigern – der Ego-Kosmos als letzte Zuflucht des einzelnen, um dem wachsenden Unbehagen zu entgehen, dass eine anonyme, nur noch als Fremdkörper empfundene Menge in ihm hervorruft – einfach weil sie aufgehört hat, eine Gemeinschaft zu sein. Dem Narzissmus preisgegeben, wird der einzelne immer mehr zum Spielball heilloser Geistesverwirrungen, permanenter Niedergeschlagenheit, chronischer Befürchtungen und Daseinsängste, deren Zunahme, belegt von Psychologen und Medizinern, symptomatisch ist für die unvermeidlichen Störungen in einer egalitären Gesellschaft.

Und eben dies ist und bleibt das größte Paradoxon unserer egalitären Gesellschaft: die vermasste Menge ist der Ort der größten Promiskuität, sie ist aber zugleich auch der Ort der schlimmsten, hoffnungslosesten Einsamkeit, die aus der einsamen Menge von Millionen von Abermillionen kleiner Ichs erwächst, die sich allesamt an das Mikro-Schicksal ihres trüben Lebens klammert, immer egoistischer, immer schmerzhafter, auf der Suche nach dem minimalen Glück, das aber bei derart bunt zusammengewürfelten einzelnen in immer weitere Ferne rückt. Doch die egalitäre Gesellschaft gestattet diesen Nomaden keinen anderen Lebensentwurf. Wie kann man sich ernstlich vorstellen, dass in einer solchen Welt des egozentrischen Kredos, das ausschließlich nach individueller Befriedigung und materiellem Wohlstand dürstet, der Mensch noch ein Sinngeber sein könnte, fähig, sich selbst zu überwinden, über sich selbst hinauszugehen und zu bauen! Wie also kann der Mensch noch wirklich Mensch sein, wenn die Gründe, die ihn zum Träger eines höheren Ideals erheben könnten, nicht mehr vorhanden sind? Wie kann der Mensch sich selbst ergründen und erkennen, wenn ihm das Gefühl, einer lebendigen Gemeinschaft, ihrem Schicksal, dem historischen Entwurf ihrer Kultur und Politik anzugehören, entzogen wird?

In einer Gesellschaft, die die Hierarchie der Personen in einebnende Gleichheit der einzelnen umfälscht, die die Gemeinschaftsbande zertrennt und das ethnisch-kulturelle Bewusstsein auslöscht, gibt es naturgemäß keinen Platz mehr für den Menschen des Willens zur Macht, das heißt für denjenigen, der über sich selbst hinausbauen will. Dort gibt es nun noch Termiten, alle gleich in einer gleichen Welt, die ihnen gleichgültig geworden ist.

Pierre Krebs, Im Kampf um das Wesen, S.69f

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